Die skandinavische AchtLeseprobe »Sotenkanal«
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Sotenkanal

Noch den ganzen Tag über ist der Mast unser Gesprächsthema. Bei Südwest 4, zeitweise 5 auf Westkurs. Auf Nordkurs. Auf Nordwest. Mit 7 Knoten. Auch Augenblicke mit 8 und 8,5 sind dabei. Wenig Druck auf der Pinne. Wenig zu tun an den Schoten. Es passt.

»Zu dumm, mit dem Geklöter auf Fahrt gegangen zu sein.« Warum sagten die X-Bauer in Haderslev nicht am Telefon: »Kommt vorbei, wir machen das, wir regeln das, wir helfen euch.«

Navigieren fällt aus. Nicht wegen unserer Plauderei, wir brauchen den Seglern nur zu folgen, so viele sind unterwegs. Manchmal bis zu zwei Dutzend auf demselben Kurs. Wobei: Die meisten treiben wir vor uns her. Wir sind nicht merklich schneller, aber auch nicht merklich langsamer. Es passt.

Löngö erscheint uns auf der Seekarte als ganz sichere Bucht. Nichts wie rein. Anker fällt frei zum Schwojen. Auf eine Position direkt mit dem Bug am Fels und klar zum Rüberspringen haben wir verzichtet. Steckt uns doch Utkäften noch in den Köpfen. Oder wie Astrid sagt: »Davon habe ich die Nase voll.« Wie es die Schweden machen, können wir hier in Löngö wunderbar studieren. Nämlich nicht wesentlich besser als wir in unserer Desasterbucht. Sie nähern sich mit langsamer Fahrt gegen den Wind dem Felsen und loten die Wassertiefe. Ist sie ausreichend, setzen sie zurück, werfen den Heckanker und geben ­wieder Fahrt voraus. Auf dem Vorschiff werden die Vorleinen klargemacht. Mit diesen springt Mann oder Frau kurz vor der Berührung mit den Steinen von Bord. Da die Leine ohne Belegpunkte nicht gleich fest ist, treibt das Boot nach achtern, und die Landperson muss die Vorleine mangels Kraft sausen lassen. Ist es einmal schiefgegangen, ist der nächste Versuch meist auch erfolglos. Man bricht das Manöver ab, möchte aber seine Landcrew wenigstens an Bord zurückholen. Infolgedessen wird ein Dingi ausgesetzt, um die Crew von den Felsen abzubergen. Man dreht ab und geht auf die Suche nach einer Bucht, die bessere Möglichkeiten bietet.

Minuten später kommt der Nächste, der Ähnliches vorführt. Eine Yacht bekommt ihren Crewmann nicht wieder vom Felsen an Deck. Er traut sich nicht zu springen, oder ist es glatt? Jedenfalls hilft Astrid aus und bringt ihn mit unserem Dingi an Bord seines Schiffes. Zu bewundern ist die Geduld der Skandinavier beim »Andocken« an die Felskanten. Ziel der Mühe: Alle wollen grillen, spazieren gehen, Kinder wollen toben. Und Einsamkeit erleben, die in »unserer Bucht« geboten ist.

Diese Erlebnisse sind besonders prägnant, da ordentlich Wind durch die Bucht weht. Er kommt düsenhaft vom Scheitel, der – typisch Schäre – gespalten ist. Rechts ein Berg, links ein Berg, in der Mitte ein Einschnitt, der bis auf den Wasserspiegel reicht.
Heute haben wir genug geleistet. Über Meilen möchte ich lieber nicht schreiben. Das sind derzeit nur eine Hand voll, oder zwei – täglich. Aber die Werft war Aufregung genug.

»Hältst du mich für blöd«, hatte Astrid geschnauzt, als wir mit dem Geräusch im Mast zu dieser Tour aufbrachen.

Ich weiß noch, dass ich sie besänftigte: »Das kriege ich hin.« Mit Strammziehen oder so. Ich glaube immer an das Gute, und Unangenehmes regelt sich manchmal von selbst. Nur nicht den Mast legen müssen. Das braucht Zeit. Also abwarten. Das war der erste Fehler unserer Sommerfahrt. Er hat – leider – mehr Lust am Segeln und Bordleben gekostet, als uns lieb war.

Jetzt ist es geregelt. Und wir gönnen uns aus diesem Anlass einen Abend in Rot: Rotwein, Tomatensalat, Spaghetti mit einer leckeren Sugo aus Tomate und Hackfleisch. Ein Klasseessen. Es wäre oberköstlich, wäre da nicht der böige Wind, der uns stört. Die Hoffnung, dass er sich zum Abend hin legt, trügt. Die Traumschäre mit Windstille haben wir nicht gefunden. Noch nicht. Für solche Tage – Einsamkeit und Stille – haben wir uns mit Fleisch versorgt. Zu Hause in Gläser eingekocht. Hackfleisch und Gulasch vom Qualitätsmetzger aus unserem Nachbardorf. (Muss sein.)

Grillen? Grill und Kohle an Bord? Nein, das ist nicht unsere Welt. Passt nicht zu Kathena X. Zu fleischlastig. Ist uns wohl zu mühsam, unterwegs gutes Fleisch zu finden und zu kaufen. Außerdem kein Stauraum.

Zurück zum Wind. Sonnenuntergang und Stärke 7. Ungewöhnlich. Astrid rudert mich an Land. Sie möchte wegen des Ankers an Bord bleiben. So ist sie. Hat immer Zweifel. Ich -mache einen Ausflug über die U-förmige Schäre, finde auch den Übergang über den Schnitt im Scheitel. Von Stein zu Stein springend, komme ich über flaches Wasser. Insgesamt eine kahle Außenschäre. Granit? Welche Art? Weiß ich nicht. Wäre aber interessant zu wissen. Viel zu erkunden ist nicht. Nur charakteristische abgeschliffene Strukturen. Ich komme gut voran. Nur allein gucken ist langweilig. Ich hocke mich in den Windschutz und starre auf die Sonne, die nicht untergehen will. Jetzt eine Zigarette. Aber ich habe nur meine Kamera dabei und keine Lust zu fotografieren. Irgendwie blockiert mich die Tatsache, das alles schon veröffentlicht gesehen zu haben. Wiederholt gesehen zu haben. Dabei habe ich eine neue Digitalkamera. Erstmalig fotografiere ich damit. Speicherkapazität ohne Ende, und trotzdem arbeite ich viel zu vorsichtig damit. Umgewöhnung dauert. Vermutlich auch eine Alterserscheinung.

Die Nacht wird wie befürchtet. Es rasselt und sirrt im Rigg. Wellen plätschern und knallen am Rumpf. Ich wache viel zu zeitig auf. Mein Kopf tut weh, weil ich nur wenige Stunden geschlafen habe, und ich muss aufs Klo, das wir nicht haben. Will noch ein bisschen weiterdösen. Geht nicht. Um fünf hole ich Astrid aus der Koje. Wir trinken ein paar Schlucke Mineralwasser, kleiden uns an. Zu zweit auf einem Quadratmeter ohne Stehhöhe ist es nicht leicht, die richtigen Beine der Ölhose zu finden.

Was ich bei allen Bedingungen immer schnell zur Hand habe, ist das Tagebuch:

Vor sechs Uhr stehen wir unter Segel mit Kurs Sotenkanal. Liegt im Norden. Den Kanal hat Astrid dem Schweden-Handbuch entnommen: sechs Kilometer lang, ein Hochgenuss an Granit. »Den müssen wir machen.« Der Kanal wurde 1930 als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Steinhauer im schwedischen Reichstag beschlossen. Bei Fertigstellung, fünf Jahre später, war er bedeutungslos. Heute nutzt ihn nur noch die Sportschifffahrt. Heute Morgen nutzt ihn nur Kathena X. Der Vorteil des frühen Segelns.

Im Schutz der Inseln und Steine ist es ein herrliches Segelstück, sofern der Wind aus Südwest steht. Das tut er. Folglich flitzen wir am steinigen Charme vorbei. Vereinzelt zeigt sich, umgeben von Busch und Gras, eine Hütte. Um noch ein paar Eindrücke mehr zu speichern, machen wir zum Ende hin an einem verrotteten Bollwerk fest. Pause für zwei mit Frühstück. Ja, so sind wir. 20 Segelmeilen durch eine Pause stückeln. »Sind wir nun schon alt?« Ich denke, wir sind normal Älterwerdende, die sich Beweglichkeit erhalten haben. Der ernsthafte Rest wartet noch auf uns. (Vom Leben ist hier die Rede.)

Als ich an der Côte d’Azur lebte, noch lange keine 40 Jahre alt, dachte ich, wenn du richtig alt wirst wider jede Wahrscheinlichkeit, möchtest du so wie zwei alte Franzosen im Hafen von Villefranche leben. Sie hatten ein kleines, sauber lackiertes Ruderboot und fuhren damit in die Bucht hinaus. Angel und Netz; Nice-Matin, die Tageszeitung; Zigaretten; ein Baguette; eine -Flasche Wein und gute Laune. Ihr »Programm« hat mich be-eindruckt, würde ich sonst im Sotenkanal an sie denken? Die Schlei böte sich dafür an. Bei uns müsste das Boot eingedeckt sein. Regen! Na, die Sommer sollen ja wärmer werden.














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Die skandinavische Acht
272 Seiten, 50 Farbfotos, zahlreiche
S/W-Fotos und Karten, broschiert
Delius Klasing Verlag  |  EUR 12,90
ISBN 978-3-7688-3576-3

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